Unser Grundsatz

Barrierefreiheit Neu Denken

Barrierefreiheit als gesamtgesellschaftliche und branchenübergreifende Notwendigkeit erkennen und etablieren

 

Als Barrierefreiheit erstmals Thema wurde, hat man diesem klassischen Oxymoron von Beginn an großes Unheil angetan, in dem man es alleinig der Zielgruppe Menschen mit Behinderung zuordnete und mit den Synonymen "behindertengerecht" und "rollstuhlgerecht" versah.

 

Insgesamt führte diese Fehlinterpretation dazu, dass der Begriff seine Akzeptanz als gesamtgesellschaftliches Problem verlor. Eine Treppe beispielsweise ist für jeden eine Barriere, vom kleinen Kind über die Familie mit Kinderwagen bis hin zum Senioren. Wir sind die einzige Institution in Europa, die Barrierefreiheit mit dem 360° -Blick ohne tote Winkel betrachtet. Barrierefreiheit betrifft also nicht nur 16% der Bevölkerung, sondern alle, vom kleinen Kind bis zum Greis.

 

Fragt man 10 Bürgerinnen und Bürger, wie sie „Barrierefreiheit“ definieren, erhält man meist 11 unterschiedliche Aussagen. Dieser Umstand gilt auch für 10 Bürgerinnen und Bürger mit z.B. gleicher Behinderung oder Einschränkung, etwa Rollstuhlfahrer/Innen, erblindete Menschen, etc.

 

Genauso verhält es sich mit der Aussage „Wir sind barrierefrei!“, die von Inhabern/Innen, Anbietern/Innen und Herstellern/innen von Objekten, Produkten und Dienstleistungen getätigt wird. Hinterfragt man diese, so ergibt sich, dass diese Aussage differenziert auf bestimmte Behinderungsarten, meist klassisch den/die 50 Jährige(n) im Rollstuhl, zu sehen ist.

 

Schlußendlich sind es die Verbraucher/Innen, die aufgrund dieser Situation verwirrt, verunsichert und verärgert sind, weil es an einem einheitlichen und leicht verständlichen Verbraucherinformationssystem fehlt, das den aktuellen Stand heute regional und überregional für Alle abbildet, denn auch hier fällt auf, dass Informationen zur Barrierefreiheit meist auf spezialisierten Angeboten für Menschen mit Behinderung zu finden sind. Warum eigentlich? Wir müssen damit beginnen, Barrierefreiheit als gesamtgesellschaftliche Notwendigkeit vom kleinen Kind bis zum Greis zu sehen.

 

 

Die derzeitige Situation lässt sich anhand einiger Beispiele nachvollziehbar darstellen

 

Beispiel Arztpraxis: Ein Allgemeinmediziner betreibt seine Praxis im Parterre eines Hauses. Nun erhält er ein groß-zügiges Angebot, mehr Quadratmeter für weniger Miete zu erhalten. Er zieht um. In den 1.Stock in ein Gebäude gegenüber. Mit 25 Stufen im Treppenhaus und einen 2 Personenaufzug. Ein Einzelfall?. Laut Erhebung der Stiftung Gesundheit erfüllen nur etwa 68.000 der ca. 220.000 niedergelassenen Ärzte/-innen, Zahnärzte/-innen, Psychologen/-innen und Psychotherapeuten/-innen in ihrer Praxis zumindest ein Kriterium der Barrierefreiheit. In der Summe ist Deutschland also noch Welten entfernt von einer flächendeckend barrierefreien ambulanten Versorgung.

 

Beispiel Wohnungswirtschaft: Ein Vermieter aus Kleve möchte seine Wohnung mit breiten Türen, ebenerdigen Zustand und großzügigem WC vermieten. Er annonciert eine barrierefreie Wohnung. Ein potentieller Mieter aus Aachen, der an den Niederrhein umziehen möchte und stark sehbehindert ist, findet diese Anzeige und macht sich nach einem Telefonat mit der üblichen Frage nach Barrierefreiheit , die selbstverständlich positiv bestätigt wird, auf die 2 stündige Anreise nach Kleve. Er benötigt eine kontrastreiche Gestaltung und findet weiß auf weiß. Er braucht helle Räume und findet im WC z.B. kein Fenster vor. Ein Einzelfall? Es fehlen in Deutschland schon heute 2,5 Mio. barrierefreie Wohnungen (2030 fehlen 3,6 Mio Wohnungen), es gibt aber „nur“ 1,6 Mio Rollstuhlfahrer in Deutschland, von denen sicherlich nicht alle obdachlos oder aktiv auf Wohnungssuche sind. Ist die Bedarfsstatistik etwa falsch?

 

Beispiel Mobilität: Eine Frau möchte mit ihrem 3 Monate alten Säugling im Kinderwagen mit dem Zug von Düsseldorf nach Hückelhoven und fragt in Köln am Schalter nach, ob der Bahnhof auch barrierefrei sei. Der DB Info-Mitarbeiter denkt hierbei an die angepasste Bahnsteigkante und bejaht diese Frage mit selbstverständlich. Die Mutter tritt die Reise an nicht wissend, dass der Bahnhof in Baal auf einer Brücke liegt ohne Aufzug, Personal Fehlanzeige und rechts und links ca. 90 Treppenstufen. Ein Einzelfall?

 

Beispiel Tourismus: Eine Familie mit Oma und Rollator bucht ein erstklassiges barrierefreies Hotel in malerischer und idyllischer Umgebung mitten in der Altstadt. Das Hotel hatte im Vorfeld über die Barrierefreiheit ausführlich mit Bildern und Filmen auf der Internetseite geworben. Die Familie reist an. Ca.75% des historischen Stadtkerns stehen unter Denkmalschutz, das Kopfsteinpflaster, die vielen alten Treppen inbegriffen. Eigentlich ist man in dem Ort stolz auf den Hotelbetreiber, da er der erste Betrieb ist, der seinen Betrieb barrierefrei gestaltet hat. Die Großmutter ver-bringt 90% ihres Urlaubs in dem wunderschönen barrierefreien Hotel, während die Familie die Stadt erkundet. Ein Einzelfall? Der deutsche Tourismus verschenkt nach wie vor jährlich rund 2,5 Mrd. Euro wegen nicht vorhandener Barrierefreiheit.

 

In der Kombination liegt die Tücke: Möchte ein Verbraucher aus Merzenich den Facharztbesuch in Köln mit einem Museumsbesuch und einem Shopping kombinieren, so muss er mindestens 4 Internetportale (regionaler Verkehrsbetrieb, bahn.de, Arztportal, Stadtportal) aufsuchen, um diese Tour zu planen. Die Shopping Tour bleibt eine nicht vorhersehbare Unbekannte.

 

 

 

 

 

* EUKOBA hat die Wortpatenschaft für das Wort "barrierefrei" übernommen. Aber warum?
In Deutschland veröden ganze Wortlandschaften. Mäßiges Englisch und krudes Denglisch überall. Erste Ursache: Die weltweite Amerikanisierung über Internet und Massenmedien. Zweite Ursache: Unsere Nachlässigkeit. Wir achten nicht genug auf die Sprache, die wir alltäglich sprechen; wir achten sie nicht. Der enge Zusammenhang zwischen Sprache, Geist und Kultur ist vielen nicht bewußt. Auf dieser Erkenntnis fußt die Idee der Wortpatenschaft des Vereins deutscher Sprache, die wir gerne unterstützen. Deutsch gehört zu den drei meistgelernten Sprachen weltweit. Fast ein Fünftel aller Bücher, die jährlich weltweit herausgegeben werden, erscheinen auf deutsch. Das sind 60.000 Neuerscheinungen. Deutsch ist die meistgesprochene Muttersprache in der EU. Deutsch ist Amtssprache in Deutschland, Österreich, Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Belgien und Italien, genießt offiziellen Status in Frankreich und wird in etlichen Sprachinseln Mittel- und Osteuropas gesprochen. Damit ist Deutsch staatliche Amtssprache in mehr Mitgliedsstaaten als jede andere Sprache der EU. Mehr als 100 Millionen Menschen außerhalb des deutschen Sprachraums sprechen die deutsche Sprache. Deutsch ist die Kultursprache der Welt. In keine andere Sprache wurden so viele Werke der Weltliteratur übersetzt.

Letzte Änderung: 23.10.2014 | © Europäisches Kompetenzzentrum für Barrierefreiheit e.V.
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